Elektrifizierung auf der COP31: Klimaretter oder Trojanisches Pferd für fossile Energien?

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Analyse

Die Türkei und Australien fordern auf der COP31 ein neues globales Ziel: Bis 2035 soll der Anteil der Elektrizität am weltweiten Endenergieverbrauch auf 35 Prozent steigen. Doch kann dieses Vorhaben die Energiewende beschleunigen – oder wird es nur die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zementieren?

Aerial view of a large construction site with several scaffolded buildings, numerous cranes and construction vehicles. Fields and trees in the background.
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Selbst wenn Rechenzentren mit erneuerbaren Energien betrieben werden, schafft ihr Ausbau lediglich neuen Bedarf – und birgt die Gefahr, dass sie die Versorgung kritischer Sektoren wie Industrie, Gebäude und Verkehr mit Strom aus erneuerbaren Energien beeinträchtigen.

Für die COP31 in Antalya steht mehr auf dem Spiel als je zuvor. Die Regierungen treffen sich in einer Zeit, die von zwei Krisen geprägt ist: der größten Energieversorgungskrise der Geschichte und einer sich immer weiter verschärfenden Klimakrise. Die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Risiken der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen – offenbart durch den Konflikt der USA und Israels mit dem Iran und verschärft durch die Auswirkungen des diesjährigen Super-El-Niño – sowie die drohende Überschreitung des 1,5-°C-Limits unterstreichen die Dringlichkeit: Die COP31 muss ihrem Versprechen gerecht werden, eine „Umsetzungs-COP“ zu sein.

Als Antwort auf diese Herausforderungen hat die türkische COP31-Präsidentschaft eine Flagship-Initiative vorgelegt: ein neues globales Elektrifizierungsziel. Das vorgeschlagene „35 by 35“-Ziel sieht vor, den Anteil der Elektrizität am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 auf 35% zu erhöhen – aktuell liegt er bei etwa 20 Prozent. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das zu begrüßen ist. Denn Elektrifizierung ist eines der wirksamsten Instrumente, um die globale Energiewende zu beschleunigen – aber nur, wenn sie mit erneuerbaren Energien gespeist wird und den Ausstieg aus den Fossilen (Transition away from fossil fuels, TAFF) vorantreibt. Genau das ist eine der sieben zentralen Forderungen der Zivilgesellschaft, um das Ziel sinnvoll zu verankern.

IRENA zeigt das Ausmaß der Herausforderung: Um das 1,5°C-Limit einzuhalten, muss die weltweite Elektrifizierungsrate bis 2035 auf 35 Prozent steigen – wobei mindestens 78 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen müssen. Gleichzeitig betont die IEA, dass die Stromerzeugung aus Kohle bis 2035 um rund 70 Prozent und aus Gas um rund 60 Prozent sinken muss, damit die Elektrifizierung tatsächlich Vorteile bringt und mit dem 1,5°C-Limit vereinbar ist.

Das Problem: In seiner aktuellen Form verpflichtet das vorgeschlagene Ziel die Regierungen weder dazu, die Elektrifizierung mit erneuerbaren Energien umzusetzen, noch die Fossilen aus dem System zu verdrängen. Ohne klare Vorgaben, welche Energiequellen den zusätzlichen Bedarf decken sollen, droht das Ziel zu einem Trojanischen Pferd zu werden: Regierungen und Industrie – einschließlich Big Tech – könnten es nutzen, um die weitere Abhängigkeit von den Fossilen zu rechtfertigen – mit der Folge: steigende Emissionen, mehr Klima- und Energieunsicherheit.

Elektrifizierung mit Erneuerbaren: Der Schlüssel zur Energiewende

Die Umsetzung des 35-bis-35-Ziels mit erneuerbaren Energien (Wind, Sonne, Netze, Speicher) wäre ein Meilenstein für die Energiewende – mit weitreichenden positiven Auswirkungen auf Wirtschaft und Energiesicherheit.

Die Elektrifizierung von Endverbrauchssektoren – etwa Fahrzeuge, Heizung und Kühlung von Gebäuden oder industrielle Prozesse – ist ein entscheidender Schritt zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Wenn der Strom aus Solar- und Windenergie stammt und nicht aus Gas oder Kohle, sinken die Emissionen, die Effizienz am Verbrauchsort steigt im Vergleich zu fossilen Technologien, und der Anteil des Energiebedarfs, der mit erneuerbaren Energien gedeckt wird, wächst. Das beschleunigt die gesamtwirtschaftliche Dekarbonisierung. Neue Kernkraftwerke, deren Bau mehr als zehn Jahre dauert und massive öffentliche Subventionen erfordert, sind mit dem 2035-Ziel unvereinbar.

Die Elektrifizierung kann mit erneuerbaren Energien den Zugang zu Energie deutlich verbessern. 

Zudem kann die Elektrifizierung mit erneuerbaren Energien den Zugang zu Energie deutlich verbessern. Noch immer haben 730 Millionen Menschen weltweit keinen Strom. Eine Elektrifizierung mit Erneuerbaren schafft erschwinglichere und zuverlässigere Stromversorgungssysteme und stärkt die Investitionsargumente für Netze, Mininetze und dezentrale Energielösungen.

Die IEA bestätigt: Es ist kosteneffizient, den weltweiten Stromanteil bis 2035 auf 35 Prozent zu steigern. Das könnte die Energiekosten der Haushalte um 15 Prozent senken, die Ausgaben für fossile Importe um über 400 Milliarden US-Dollar pro Jahr reduzieren und die CO₂-Emissionen aus Verkehr, Gebäuden und Industrie um bis zu 40 Prozent verringern. Entscheidend ist dabei: Die Elektrifizierung bringt den größten wirtschaftlichen und klimatischen Nutzen, wenn sie mit sauberer Energie und nicht mit fossilen Brennstoffen betrieben wird.

Fehlende klare Vorgaben: Das 35-bis-35-Ziel bleibt vage

Die von der COP31-Präsidentschaft vorgeschlagene globale 35-bis-35-Verpflichtung ist dafür allerdings zu unpräzise. Sie sieht vor, das Ziel mit „vielfältigen und nachhaltigen Energiequellen“ zu erreichen. In der Praxis bedeutet das: Regierungen könnten nationale Elektrifizierungsstrategien verfolgen, die lediglich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen von einem Sektor in einen anderen verlagern – und den neuen Energiebedarf durch Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken decken.

Diese Formulierung wurde erheblich abgeschwächt, seit die Türkei die Initiative im Juni in Bonn erstmals vorstellte. Der designierte COP31-Präsident Murat Kurum hatte ursprünglich eine „erhebliche Beschleunigung des Übergangs vom direkten fossilen Verbrauch hin zu sauberem Strom in Gebäuden, Verkehr und Industrie“ gefordert. Seitdem haben weder die Türkei noch Australien die Führungsstärke gezeigt, sicherzustellen, dass das globale Ziel die Elektrifizierung ausschließlich mit erneuerbaren Energien oder sauberem Strom definiert. Auch gibt es keine Anstrengungen, um zu gewährleisten, dass die Elektrifizierung tatsächlich Hand in Hand geht mit dem Ausstieg aus den Fossilen (TAFF).

Ohne diese entscheidenden Leitplanken wird das 35-bis-35-Ziel die versprochenen wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und klimatischen Vorteile nicht bringen – im Gegenteil: Es könnte die Klimakrise sogar beschleunigen anstatt eindämmen.

Elektrifizierung für Big Tech: Ein Risiko für die Energiewende

Die ungezügelte Expansion von Rechenzentren erhöht das Risiko, dass das 35-bis-35-Ziel mit Strom aus Kohle und Gas statt mit erneuerbaren Energien erreicht wird. Heute sind neue Rechenzentren, angetrieben durch den KI-Wettlauf der Big-Tech-Unternehmen, einer der Haupttreiber für den weltweiten Ausbau der Stromerzeugung aus fossilem Gas.

  • In Großbritannien planen über 100 Rechenzentren, Gas zur Stromerzeugung zu verbrennen.
  • In den USA stammt derzeit über 40 Prozent des Stroms für Rechenzentren aus Gas.
  • In China, dem anderen großen Rechenzentrumsmarkt, kommen rund 70 Prozent des Stroms für Rechenzentren aus Kohle.

Der Ausbau von Rechenzentren schafft neuen Bedarf.

Die IEA schätzt, dass bis 2035 rund 40 Prozent aller Rechenzentren weltweit mit Strom aus Fossilen betrieben werden. Selbst wenn Rechenzentren mit erneuerbaren Energien betrieben werden, schafft ihr Ausbau lediglich neuen Bedarf – und birgt die Gefahr, dass sie die Versorgung kritischer Sektoren wie Industrie, Gebäude und Verkehr mit Strom aus erneuerbaren Energien beeinträchtigen. Diese Bereiche sollten eigentlich ganz oben auf der Dekarbonisierungsagenda stehen.

Ohne strenge Vorschriften – etwa: die Verpflichtung für Rechenzentren, ihre eigenen zusätzlichen erneuerbaren Energien bereitzustellen, die Priorisierung der Elektrifizierung anderer Sektoren (z. B. Haushalte, Verkehr, Schwerindustrie), die Auflage, dass Rechenzentren die gesamten Kosten für neue Stromnetzinfrastruktur tragen – besteht die Gefahr, dass der Rechenzentrumsboom Energie aus kritischen gesellschaftlichen Bereichen abzieht und immer stärkere Nachfragezyklen anheizt.

Beispiele aus Europa zeigen bereits die Probleme:

  • In Dänemark konnte Lidl seine Flotte nicht elektrifizieren, weil Rechenzentren den Großteil der Anträge auf Netzanschlüsse ausmachten. Mittlerweile räumt Dänemark Rechenzentren beim Netzzugang eine geringere Priorität ein. 
  • In Irland und den Niederlanden – beides stark überlastete Rechenzentrums-Standorte – ist die Elektrifizierung des Verkehrs ins Stocken geraten.
  • In Spanien fordern Industriezweige die Regierung auf, Rechenzentren eine geringere Priorität einzuräumen, um bezahlbare saubere Energie für Schlüsselbranchen wie Stahl- und Chemieindustrie zu sichern.
  • In Irland stagniert der Anteil erneuerbarer Energien in Regionen mit hoher Rechenzentrumsdichte, und das Stromwachstum setzt selbst Regionen wie Aragonien unter Druck – obwohl diese über reichlich Wind- und Sonnenenergie verfügen.

Von globalen Zielen zu nationalen Maßnahmen: Die Türkei in der Verantwortung

Die globalen Ambitionen rund um das 35-bis-35-Ziel müssen über die COP-Bühne hinausgehen und von den Regierungen in maßgeschneiderte nationale Fahrpläne umgesetzt werden. Diese sollten: die Elektrifizierung mit erneuerbaren Energien vorantreiben, die unterstützende Infrastruktur (Netze, Speicher) beschleunigen, den Ausstieg aus den Fossilen (TAFF) fördern.

Als wichtigste Verfechterin des globalen Elektrifizierungsziels wird von der Türkei erwartet, dass sie bald eine Überarbeitung ihres Nationalen Energieplans vorstellt. Doch aktuell hat die Türkei keine Pläne zu einem Ausstieg aus den Fossilen. Stattdessen sucht sie nach neuen Wegen, ihre Importe zu diversifizieren und die lokale Exploration von Öl und Gas zu verstärken. Gleichzeitig unterstützt sie weiterhin die lokale Kohleproduktion, plant neue Kohlekraftwerke und vermeidet jede Diskussion über einen nationalen Kohleausstiegsplan.

Das ist eine entscheidende Gelegenheit für die Türkei, glaubwürdige Führungsstärke zu zeigen – indem sie demonstriert, wie Elektrifizierung richtig umgesetzt wird: mit erneuerbaren Energien, nicht mit fossilen Brennstoffen. Ein erster entscheidender Schritt wäre die Ankündigung eines gerechten Plans zum Kohleausstieg. Denn Kohle ist derzeit noch die primäre Quelle der Stromerzeugung in der Türkei, und mehr als 60 Prozent des aus Kohle erzeugten Stroms stammt aus importierter Kohle. Gleichzeitig müssen der Ausbau des Stromnetzes und die Erschließung des ungenutzten Wind- und Sonnenenergiepotenzials Priorität erhalten.

Ohne einen klaren Fahrplan für den Kohleausstieg werden die Bemühungen, die Elektrifizierungsquote in der Türkei bis 2035 auf 35 Prozent zu erhöhen, dazu führen, dass Emissionen aus fossilen Brennstoffen und Energieimporte steigen, um den wachsenden Strombedarf zu decken.

Elektrifizierung braucht Finanzierung

Die Elektrifizierung der Welt mit erneuerbaren Energien erfordert beispiellose Investitionen in die Erzeugung erneuerbarer Energien, Übertragungsnetze, modernisierte Stromnetze, Batteriespeicher und den Zugang zu Energie.

Die Elektrifizierung der Welt mit erneuerbaren Energien erfordert beispiellose Investitionen.

Regierungen, Entwicklungsbanken, Investor*innen, Energieversorger, gemeinnützige Organisationen und Unternehmen müssen zusammenarbeiten, um die Elektrifizierungsziele der COP31 und die wachsende politische Unterstützung in Finanzierungspartnerschaften umzusetzen. Diese müssen den Prioritäten der Länder und den Erfordernissen eines gerechten Übergangs gerecht werden.

Die „Climate Implementation Bridge“ der COP31-Präsidentschaft bietet an, diese verbindende Rolle zu übernehmen, indem sie Prioritäten der Länder und Projektpipelines mit Finanzmitteln und Partnern für die Umsetzung vor Ort verknüpft. Angesichts des erwarteten Schwerpunkts auf der Förderung der Elektrifizierung in Pilotländern sollte die „Climate Implementation Bridge“ der Mobilisierung von Finanzmitteln für erneuerbare Energien, Stromnetze, Speicher und Strominfrastruktur Vorrang einräumen. Ohne ausreichende Finanzmittel läuft die Elektrifizierung Gefahr, ein Ziel auf dem Papier zu bleiben – statt eine echte Veränderung vor Ort zu bewirken.

Elektrifizierung für Menschen und Klima – oder für fossile Konzerne?

Die Entscheidung auf der COP31 ist klar: Die Regierungen könnten Antalya mit der Verpflichtung verlassen, ein globales Elektrifizierungsziel von 35 Prozent umzusetzen – gespeist durch erneuerbare Energien, abgesichert durch glaubwürdige Finanzmittel und als Teil eines Gesamtpakets für den Ausstieg aus den Fossilen. Das würde der aktuellen Krisensituation gerecht werden, die Umsetzung der bei der COP28 gesteckten Energieziele unterstützen und die globale Dynamik für die Energiewende hin zu sauberer Energie beschleunigen.

Oder die Regierungen könnten das 35-bis-35-Ziel nutzen, um die globale Energiewende aus der Bahn zu werfen – indem sie aktuelle und zukünftige Maßnahmen von Regierungen und Big Tech zur Elektrifizierung mit Fossilen legitimieren und die Abhängigkeit der Länder von fossilen Brennstoffen zementieren.

Die Welt tritt in das „Zeitalter der Elektrizität“ ein. Die Regierungen müssen die Chance nutzen, die die COP31 bietet, um sicherzustellen, dass eine elektrifizierte Welt den Menschen, den Gemeinschaften und dem Klima zugutekommt – und nicht der fossilen Brennstoffindustrie und den Big-Tech-Konzernen.

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